Der Vindelälven – ein Biosphärengebiet

Die Vision für das Biosphärengebiet Vindelälven lautet: „Ein rauschendes Abenteuer vom Fjäll bis zum Meer, bei dem die Vielfalt der Natur und der Kultur eine Quelle für Entwicklung, Erlebnisse und Lebensqualität ist!“

Was hat der Vindelälven mit der Camargue, dem Denali, Yellowstone, Amboseli, der Serengeti, dem Ngorongoro, Pantanal, den Galapagos-Inseln und einigen weiteren Plätzen gemeinsam? – Genau, seit Februar diesen Jahres ist das Flusstal ein Anwärter für das UNESCO-Programm: „Der Mensch und die Biosphäre“.

Die Vision für das Biosphärengebiet Vindelälven lautet: „Ein rauschendes Abenteuer vom Fjäll bis zum Meer, bei dem die Vielfalt der Natur und der Kultur eine Quelle für Entwicklung, Erlebnisse und Lebensqualität ist!“

Schön so. Und mit einem Fluss, der fast 500 Kilometer zurücklegt, zwischen Vindelkroken und dem Umeådelta, kann man wahrlich von einem „rauschenden Abenteuer“ sprechen. Die Reise talabwärts ist nicht nur eine Reise durch großartige Natur, die der schwedische Sänger Evert Taube in seinem schönsten Lied, „Änglamark“ – auf deutsch „Engelsgrund“, eingefangen hat. Die Reise ist auch eine Fahrt durch ein tausendjähriges Erbe menschlicher Regsamkeit.
Im Gebiet Laisheden am Nebenfluss Laisälven, ein paar Kilometer außerhalb von Sorsele, befindet sich eines der größten Fanggrubensysteme Schwedens. Seit mehreren tausend Jahren hat es hier Menschen gegeben, die Jäger waren. Sie haben der Landschaft ihr Gepräge gegeben und in der Harmonie und mit den Wechseln des Flusstals gelebt.
Tatsächlich wurden die Fanggruben erst 1864 verboten. Wie dem auch sei, sie zeugen davon, dass das, was wir „Wildnis“ nennen, vielleicht nicht ganz so selbstverständlich ein Ort ist, der völlig frei ist von der Einwirkung von menschlicher Hand. Diese Jäger sind den Rentieren über tausende von Jahren gefolgt. Sie haben in Symbiose mit ihnen gelebt. Und natürlich haben sie auf dem Land, in dem sie gelebt haben, ihre Spuren hinterlassen.

Die Fanggruben sind nicht das einzige Zeichen.  

Modellgebiete für eine nachhaltige Entwicklung

Doch was versteht man unter einem Biosphärengebiet? Nun, am einfachsten ist es wohl wiederzugeben, was in der Vorstudio zur Kandidatur des Vindelälvens steht: „Die Biospärengebiete sind Gebiete mit hohem Landschaftswert, die als Modellgebiete für nachhaltige Entwicklung dienen sollen. Die Biosphärengebiete wurden von der UNESCO als Teil des Programms: „Der Mensch und die Biosphäre“ ausgewählt.
    Zweck der Biosphärengebiete ist es, Wissen und Erfahrungen zu Fragen der nachhaltigen Nutzung und des Erhalts der Landschaft zu entwickeln. Als Modellgebiet der UNESCO nehmen Behörden, lokale Akteure, Wissenschaftler und Einheimische die Herausforderung an, gemeinsam in der Praxis mit einer ganzheitlichen Perspektive an einer nachhaltigen Entwicklung zu arbeiten. Das Biosphärenkonzept gibt es seit 1970, aber erst in den letzten Jahren hat es in den nordischen Ländern größere Aufmerksamkeit erlangt.
    Anderswo auf der Welt ist der Begriff bekannter und gegenwärtig gibt es 621 Biosphärengebiete, verteilt auf 117 Länder, wovon sich nur fünf in Schweden befinden. In dem großen Netzwerk von Biosphärengebieten wird auf mehreren Ebenen, global sowie regional, zusammengearbeitet. Die Biosphärengebiete wirken als Ideenlieferanten und nicht regulierend.“  Den letzten Satz greifen wir auf.

Es kommt Leben in die Dörfer

Auf dem Weg flussabwärts trifft man auf so viele verschiedene Kulturen, die ineinander verwoben wurden. Samendörfer und Siedler, Existenzgründer und Visionäre, Bewahrer und Nutzer dieses Engelsgrunds. Vor einiger Zeit fand zum Beispiel das Schlittenhunderennen Vindelälvsdraget statt. Keiner bleibt zuhause, wenn es darum geht, die Vorzüge seines Heimatdorfes aufzuzeigen. Das Volksfest wird nicht einmal von ein paar Hunden, die zu Besuch gekommen sind, übertönt. Plötzlich wird es in Fenstern hell, die zuvor dunkel waren, plötzlich steigt aus Schornsteinen, die vorher kalt waren, Rauch auf. Genau wie während der Elchjagd.
    Die Sandwiches in Grannas und Råstrand sind etwas, für das man anhält, um noch etwas zusätzlich zu Essen zu bekommen. Die Fastenwecken in Vindelgransele oder die Waffeln in Forsholm sind auch nicht gerade etwas, was Sie vorhaben, sich auf dieser Tour entgehen zu lassen. Doch am Tag, nachdem die 30 Teams ins Ziel gefahren sind, treffe ich Anders Skum. Er ist dabei seine Rentiere ins Landesinnere zu treiben. Das Älvdalen war schon immer eine Form des unterwegs seins. Der Frühlingswinter, oder „gijrradálvvie“, wie es im Samisch in der Gegend von Umeå heißt, ist die Zeit, wenn der Schnee geführiger wird, wenn er gerade genug verharrscht ist, damit er trägt, und es für die Rentiere wieder an der Zeit ist, nach Westen zu ziehen, in ihr angestammtes Gebiet um zu kalben. 

Die Natur wechselt in acht Jahreszeiten

Die Samen haben acht Jahreszeiten, weil die Natur ihre Wechsel hat. Daran ist nichts Merkwürdiges. Merkwürdiger ist es eher, nur vier Jahreszeiten zu haben und zu glauben, die Natur richte sich nach dem Kalender. Auf „gijrradálvvie“ folgt „gijrra“, der echte Frühling, der in vielerlei Hinsicht die wahre Festzeit der Samen ist. Zu dieser Zeit erreichen die Rentiere das Land, in dem sie kalben.
    Gijrra ist eine Zeit der Wiedergeburt von allem, und des Versprechens, dass das Leben nach dem Winter wieder da ist. Das Kalben hat in der samischen Kultur auf dieselbe Art eine zentrale Bedeutung, wie Ostern sie im christlichen Glauben einnimmt. Es ist der Moment, in dem die Auferstehung stattfindet, wenn das neue Leben eintritt, wenn alles verziehen ist und die Zukunft wieder in hellem Licht erscheint. Gijrra ist die intensivste Zeit. Alles hat es eilig. Bergbäche, die am Morgen noch gefroren waren und die man auf Skiern queren konnte, sind am Nachmittag brüchig geworden.
    Auf gijrra folgt gijrragiessie, der Frühsommer, die Jahreszeit, die sich noch nicht ganz entschieden hat. Die Tage sind jetzt am längsten hell, aber die Wärme ist noch nicht da. An verborgenen Plätzen in den tiefen Wäldern blühen die Orchideen. Die Böden verändern sich, wenn das Chlorophyll sich ausbreitet. Dann kommt die richtige Wärme, der richtige Sommer – „giessie“, und man geht hin und badet im Fluss, der sich wie ein Lebensnerv durch die Landschaft zieht.
    In drei Jahren erfahren wir, ob der Vindelälven seine Kandidatur bestanden hat, ob er als eines der Biosphärenreservate der Welt aufgenommen wird. Eines der „Mensch und Biosphäre“-Gebiete der UNESCO. Fragt man diejenigen, die im Tal leben, dann besteht darüber kein Zweifel. Denn gibt es etwas Schöneres als einen „Engelsgrund“? – Wohl kaum. 

 

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